Ein zum Tode Verurteilter klagt an!

Ein zum Tode Verurteilter klagt an!

VON CLAUDIA HAJ ALI

Washington – Emad Shahin hat eine große Liebe. Gut möglich, dass er sie nie wieder sehen wird – seine Heimat Ägypten. Der international angesehene Professor für Politik ist am 3. Januar 2014 aus Kairo geflohen und lebt seither im Exil in der amerikanischen Hauptstadt Washington.

Seine Frau und seine drei Kinder (27, 25, 23) musste er zurücklassen. Der 57-Jährige ist einer der mehr als 100 Angeklagten, die von einem ägyptischen Militärgericht zum Tode verurteilt wurden. Unter ihnen ist auch der ehemalige ägyptische Präsident Mohammed Mursi.

Shahin wird Spionage zur Last gelegt. „Das ist völlig aberwitzig“, sagt Shahin, der seit der Machtübernahme des früheren Oberbefehlshabers und jetzigen ägyptischen Präsidenten Abdel Fatah al-Sisi scharfe Kritik an dem Militärregime übt: „Das Regime hat mich zum Tode verurteilt, um eine unangenehme, kritische Stimme zu ersticken.“

BILD-Korrespondentin Claudia Haj Ali traf sich mit Emad Shahin an der Georgetown-Universität, wo er als Gastprofessor lehrt.

BILD: Wie wurden Sie Angeklagter Nr. 33?

Emad Shahin: „Gleich am ersten Tag der Machtübernahme von al-Sisi habe ich kein Blatt vor den Mund genommen. Ich enthüllte Gräueltaten, die diese Regierung gegenüber friedlichen Demonstranten begangen hatte. Ich kritisierte ihn auf Konferenzen weltweit und veröffentlichte Artikel in internationalen Tageszeitungen, wie der ‚Washington Post‘, ‚The Guardian‘, ‚Le Figaro‘. Ich äußerte mich besorgt über die Demokratie und Unterdrückung in meinem Land. So kam ich ins Visier. Diktatoren sind sehr empfindlich, wenn es um ihr Image geht.“

Emad Shahin ist am 3. Januar 2014 aus Kairo geflohen, und lebt seither im Exil in der amerikanischen Hauptstadt Washington
Der 57-Jährige Emad Shahin ist einer der mehr als 100 Angeklagten, die von einem ägyptischen Militärgericht zum Tode verurteilt wurden. Unter ihnen ist auch der ehemalige ägyptische Präsident Mohammed Mursi
Foto: Kris Connor for BILD

Warum mussten Sie aus Kairo fliehen?

Shahin: „Ich erhielt telefonische Drohungen, immer dann, wenn ich besonders heftige Kritik übte. Als eine Ägypterin von Soldaten durch die Straße gezogen, geschlagen und ihr die Kleider vom Leib gerissen wurden, trat ich mehrmals im TV-Sender El-Gezirah auf. Jedes Mal erhielt ich einen Anruf. Man verlangte von mir, dass ich schweige, mit der Begründung, dass das was ich sage, unter den Jugendlichen auf Resonanz stößt. Das sollte mit allen Mitteln verhindert werden. Eigentlich hatte ich vor zu bleiben und gegen die Anschuldigungen zu kämpfen. Aber in der Nacht zum 3. Januar 2014 marschierten Militärpolizisten vor meinem Haus in Garden City (einem Stadtteil von Kairo) auf, liefen im Stechschritt hin und her. Ich sah meine Frau an. Sie hatte fürchterliche Angst, ihr Gesicht war dunkelrot angelaufen. In jener Nacht machten wir kein Auge zu. ‚So können wir nicht leben‘, sagte ich zu ihr.“

Was nahmen Sie bei Ihrer Flucht mit?

Shahin: „Einen Koffer mit ein paar Pullovern, Hosen, Pyjama.“

Ihre Frau konnte Sie nicht begleiten?

Shahin: „Nein, sie musste bleiben. Aber sie ist in Sicherheit. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie im Flugzeug saßen?

Shahin räuspert sich, legt seine Hand aufs Herz: „Ich weiss, das hört sich jetzt furchtbar romantisch und idealistisch an. Aber Ägypten ist für mich wie die erste große Liebe, die man nie heiratet, die sich aber für immer im Herzen einprägt. Genau das ging mir durch den Kopf. Ich fragte mich auch, ob ich meine Heimat je wiedersehen werde.“

Wo waren Sie als Sie die Nachricht erhielten, dass Sie zum Tode verurteilt wurden?

Shahin: „Ich war zu Hause, als das Telefon morgens um 7 Uhr klingelte. Es war eine Freundin aus London. Sie sagte, ihr habt alle dasselbe Urteil bekommen.“

BILD-Korrespondentin Claudia Haj Ali traf sich mit Emad Shahin an der Georgetown-Universität, wo er als Gastprofessor lehrt
BILD-Korrespondentin Claudia Haj Ali traf sich mit Emad Shahin an der Georgetown-Universität, wo er als Gastprofessor lehrt
Foto: Kris Connor for BILD

Waren Sie schockiert? Hatten Sie dieses Urteil erwartet?

Shahin lacht: „Ich hatte mit einem Freund gewettet, dass ich zu einer drei- bis fünfjährigen Haftstrafe verurteilt werden würde. War ich geschockt, weil ich mit meiner Wette so falsch lag? Nein, überhaupt nicht. Von diesem Regime ist alles zu erwarten.“

Wie hat Ihre Frau auf das Urteil reagiert?

Shahin seufzt tief: „Sie sagte, dass wir das gemeinsam durchstehen werden und dass wir stark bleiben müssen, dass wir immer eins sein werden und dass es vorbeigehen wird.“

Was bezweckt die Regierung von al-Sisi mit diesen Massenverurteilungen?

Shahin: „Es hat eine mehrdeutige Botschaft. Zum einen ist es eine Botschaft an die Bevölkerung. Seht her, wenn ihr euch gegen den Putsch richtet, dann droht euch eine lebenslange Haftstrafe oder der Tod. Zum anderen ist es auch eine Botschaft an seine Anhänger: Seht her, ich bin stark. Ich ersticke jeden Aufschrei im Keim. Und letztlich ist es eine Taktik gegen den Westen. Er testet wie weit er gehen kann. Und er hat damit Erfolg: Obwohl er sich nicht daran gehalten hat, parlamentarische Wahlen abzuhalten (eine Bedingung Deutschlands), wurde er von Bundeskanzlerin Merkel empfangen. US-Außenminister Kerry behauptet, das Militär habe die ‚Demokratie wiederhergestellt‘. Und US-Präsident Obama erlaubt die Lieferung von Kampfjets nach Ägypten.“

Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass die USA und die EU sich über die jüngsten Verurteilungen „tief besorgt“ zeigen. Dies sei „gut“, aber nicht „gut genug“. Was wäre „gut genug“?

Shahin: „Die Rhetorik muss aufhören, ein Mindeststandard zum Schutz der Menschenwürde eingehalten werden. Autokraten und Militärgeneräle dürfen nicht belohnt werden. Das Wort ‚Putsch‘ muss ausgesprochen werden, wenn es sich um einen Putsch wie in Ägypten handelt. Konkrete politische Maßnahmen müssen umgesetzt werden. Wir brauchen eine neue Vision und eine neue Formel. Die Sicherheit darf nicht das höchste Maß sein. Autokratie führt nicht zu Demokratie. Unterdrückung führt nicht zu Stabilität. Aber Demokratie führt zu Sicherheit. Ja, es ist ein Risiko – der Westen kann aber damit nicht umgehen.“

Sie pochen darauf, dass es sich bei al-Sisis Machtübernahme um einen Putsch gehandelt hat. Doch Millionen Menschen waren im Juni 2013 auf die Straßen geströmt und forderten Mursis Rücktritt.

Shahin: „Man kann zwischen Mursis und al-Sisis Herrschaft keine Vergleiche ziehen. Eine mangels Alternative schwache Demokratie ist immer noch besser als eine Diktatur. Die Muslimbrüder waren unerfahren und unfähig, den Staat zu kontrollieren. Wir haben den langwierigen Prozess eine dauerhafte Demokratie einzuführen, nicht zu schätzen gewusst. Statt dessen ging unsere Geduld nach nur einem Jahr zu Ende, und auch die der internationalen Gemeinschaft. Der Westen zeigte sich aber mit Autokraten wie Mubarak oder Ben Ali extrem geduldig, die 20 bis 30 Jahre lang regierten.“

Al-Sisi hat versprochen, Wahlen abzuhalten.

Shahin: „Ich sage meinen Studenten immer wieder; Wenn du damit rechnest, dass das Militär die Demokratie einführt, dann ist es so, als würdest du ein paar Minuten lang voller Vertrauen auf einem Tiger reiten, der sich dann umdreht und dich gierig verschlingt.“

TERROR IN ÄGYPTEN

War der Arabische Frühling ein Misserfolg?

Shahin: „Der Arabische Frühling ist eine Metapher. Die Massenbewegung wurde ins Leben gerufen, weil sich Millionen von Menschen in Ägypten, Libyen, Syrien, Bahrain und Tunis eine würdevolle und vielversprechende Zukunft wünschten. Dies löste eine Konterrevolution aus, was Bürgerkriege entfachte und zu sozialem Zerfall führte. Tunis ist der Ausnahmefall. Das Land repräsentiert zumindest ein hoffnungsvolles Modell. Unsere Region durchlebt eine massive Transformation, die gerade erst begonnen hat. Auch die französische, britische und amerikanische Revolution geschahen nicht an einem Tag.

Wie kann der Islamische Staat (IS) gestoppt werden, der sich auch in Ägypten ausbreitet?

Shahin: „Es ist ganz einfach. Gebt den Menschen eine Alternative. Jahrzehnte der Unterdrückung treiben die Leute geradewegs in die Arme des radikalen Islam. Sie haben keine Hoffnung. Eine Veränderung kann nur friedlich umgesetzt werden. Die ägyptische Revolution basierte auf einem friedlichen Aufstand, entgegen der Behauptung des militanten Islam, dass Demokratie sinnlos sei.“

Es hört sich so einfach an.

Shahin: „Wallahi, wallahi (bei Allah), für alle Probleme gibt es einfache Lösungen. Das sage ich auch meinen Studenten immer wieder. Wenn die Dinge kompliziert werden, dann müsst ihr zum Wesentlichen zurückkehren. Dann findet ihr eine Lösung in eurem Herzen, in der Hoffnung. Ich weiss, es hört sich idealistisch an. Aber schaut auf Mandela und Gandhi, dann versteht ihr wie der große Wandel begonnen hat.“

Die nächsten Schritte?

Shahin: „Ich werde das Regime weiterhin entblößen. Ich werde weiterhin schreiben und ich werde weiterhin die Dinge unterrichten, an die ich fest glaube.“

AL-SISIS BESUCH IN DEUTSCHLAND

Eine Rückkehr nach Ägypten?

Shahin: „Bis auf Weiteres unmöglich.“

Und wenn der Mufti der Todesstrafe nicht zustimmt?

Shahin: „Dann wird meine Todesstrafe in eine 25-jährige Haftstrafe umgewandelt. Ich würde lieber tot sein, als den Rest meines Lebens in einem ägyptischen Gefängnis zu verbringen. Es ist eine verwerfliche Politisierung. Al-Sisi benutzt uns als Trumpfkarte, als Tauschmittel. Er gibt uns allen eine Todesstrafe, dann fleht Merkel ihn an, uns zu schonen, was er unter einer Bedingung tut; nämlich, dass ihm ein Vertrag mit Siemens in Aussicht gestellt wird. So wahren alle ihr Gesicht. Alle Politiker lieben dieses Spiel, und wir werden 25 Jahre lang ins Gefängnis gesteckt.“

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Heimat Ägypten?

Shahin (nach einer langen Pause): „Den Weg vom Tahrir-Platz zur Quasr-Al-Aini Straße, das Stadtzentrum und mein Haus.“

Source: BILD

Photo: Kris Connor for BILD

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Q&A: Emad Shahin on Death Sentence, Egypt’s Future
Un profesor de Georgetown, compañero de Mursi en el cadalso

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